Gedehnte Quarantäne in Berlin

In der Tat ist K wie Karl nicht wirklich ausgewandert, sondern eher so in gedehnter Quarantäne drüben in Berlin. Wo er sich’s gut gehen lässt.

Gedehnte Quarantäne in Berlin
Berlin im Mai 2015 (Bild: AnnA)

Hat mir ‘ne Postkarte geschickt vom Brandenburger Tor anno Schwarzweiss und wenn du die Rückseite liest wird klar: Angetrunken oder sonst wie verknallt. Wahrscheinlich aber beides, was mir ein irgendwie betrogenes Gefühl beschert. Du weisst schon: Wie man sich stets irgendwie beschissen fühlt, vor allem dann, wenn du selbst die Bescheisserin bist.

Monopoly

K sei ausgewandert, heisst es, was ich mir kaum vorstellen kann und Radieschen plappert, dass sie sich ernsthaft auf ein Leben ohne Trump vorbereite. Dann kauft sie Zürich Paradeplatz und Löffel zählt vorsichtshalber mal Scheine.

Züri (Foto: AnnA)

„Kann mir nicht vorstellen, dass K ausgewandert sein soll“, wende ich ein, worauf Radieschen mich mit ihrem Du bist ja hier nicht etwa die Expertin-Blick bedient. Babs (die aus dem Hölloch) fummelt an ihrem Handy rum, und fragt, was K denn für einer sei. „K wie Karl“, antwortet Löffel schliesslich und blickt Rieeeeesenbögen (um mich rum). Wobei ich sowieso grad Knastpause feier, also auch egal.

„Versuchs doch mal mit Erdogan“, rät Veilchenblau Radieschen, die gerade schmucke Häuser in eine nette Reihe bringt. Derweil Babs einmal mehr über den Rand hinaus würfelt. „Vielleicht sollte ich diesen Karl mal kennenlernen?“, fragt sie von unter dem Tisch, worauf Löffel lacht. Jede weiss, dass es zwischen den beiden nicht lange gut gegangen war. Fragestellung: Was wäre, wenn Lennon noch lebte, doch wissen wir es bis heute nicht. Und wird auch nimmer. K war mal Mitbewohner gewesen, dann aber habe ich Veilchenblau kennengelernt und mich noch dazu. Ende der Geschichte.

Babs heimst gerade ein Vermögen ein und ich frage mich, ob sie dem Glück nicht ein wenig zu sehr auf die Sprünge hilft. Auch Veilchenblau verdreht vielsagend die Augen, was jedoch nicht zählt, weil sie wie immer bloss zuschaut. Kann nicht verlieren, weswegen sie einfach mal behauptet, dass Kapitalistenspiele Scheisse sind. Um zu Explizieren, knallt sie dann zum Beispiel irgendwelche Minor Threat-Scheiben auf den Plattenteller.

„Der ist ja eben ausgewandert“, wiederholt Löffel, den im Übrigen die Schuldenlast drückt. (Obwohl Radieschen ihm ab und zu was zusteckt.) Nimmt mich persönlich wunder, wo er diese Emigrantengeschichte herhat, weil K ja nicht etwa der abenteuerliche Typ. Wahrscheinlich aber weiss er’s von Neuhufer, dem Schnüffler.

Als dann sogar Babs die blaue Rechnung nicht mehr bezahlen kann, ist fertig lustig. Ich verdufte schleunigst aufs Klo, wo dieses Hirschposter von Agalloch hängt und höre durch die verschlossene Türe, wie I am von Bölzer anklingt. Auch gut.


K wie Karl

K wie Karl hat mir einen Brief geschrieben, der mit „Liebe Anna“ beginnt. Ohne Datum oder so, einfach „Liebe Anna“. Wahrscheinlich ‘ne Floskel, weil direkt lieb war ich nie gewesen. Eher unbeholfen.

Das autonome Winterthur (Foto: AnnA)

Steht dann auch so, dass ich nicht lieb gewesen war, sondern aber verletzend. Verletzt sein ist nichts Schönes, versteht sich. Lieber noch unbeholfen. Zudem schulde ich ihm Bier & Wurst vom Calypso kürzlich, als seine Alte vom Hocker gefallen war. Was Du übrigens hier nachlesen kannst. Hatte mich aus dem Staub gemacht damals und mir um die Ecke einen runtergelacht. Aber egal. K wie Karl checkt‘s irgendwie nicht, vor allem die Sache mit Veilchenblau checkt er nicht. Hinzu kommt, dass alle davon gewusst haben wollen, bloss er eben nicht. Addiert sich und Ergebnis dann manchmal mehr als die Summe. Oder auch weniger. Ich selbst bin sehr Newton-verwurzelt und übersehe gerne mal das Relativistische. Auch im Sozialen wahrscheinlich. Oder vor allem im Sozialen.

Mittwoch, 3. Juli 2019

K hat die Sachen abgeholt, mehr nicht. Natürlich nicht. Ich frage ihn, ob er was trinken will, einen Kaffee oder so, doch er sagt nein. Es gibt da dieses englische Adjektiv awkward, welches sich nicht adäquat übersetzen lässt. Aber es passt. Jetzt. Genau. Auf den Punkt. Die Hände in die Gesässtaschen seiner Jeans geschoben, steht er noch ein Weilchen in der Küche, und schaut zum Fenster hinaus. Tritt ab. Ich sage mir: “Jetzt, wo der Flur leer ist, kann ich wieder atmen.” Und höre, wie der Deckel des Kofferraums zuschnappt, und ein Motor gestartet wird.

Sonntag, 16. Juni 2019 / Abschied

Heute ist der Tag, an dem ich K. reinen Wein eingeschenke. Aus dem Nichts heraus. Zwischen Aufstehen und Morgenkaffee übermannt es mich wortwörtlich. Danach packt er sein Köfferchen, und stolziert davon, im Auge glitzernde Perlen von Trauer oder Wut. An meinen kommunikativen Fähigkeiten muss ich noch arbeiten, klar. Sogar eine seiner Action Figuren habe ich an die Wand geschmissen. Dass die danach nix mehr taugen, weiss ich jetzt auch.

Sonntag, 9. Juni 2019

Bereits wieder am Bahnhof. Menschen mit zerfledderten Shirts kreuzen solche mit frisch geplätteten. Liebe ist für alle da und Herz brennt. K. wirkt gequält und hat dunkle Ringe unter den Augen. Achterbahn im Hotelbett, wie’s scheint, und Till hielte sich den Bauch vor Lachen. Das Frühstücksbuffet verlässt er recht spontan, und hätte beinahe auf meinen Speck gekotzt. In solchen Momenten könnte ich heulen. Meinerseits die Hose gelockert, und fleissig das Bäuchlein eingezogen. Auch so gehts.

München (Foto: K.)

Freitag, 7. Juni 2019

Der Zug nach München ist mit 25 Minuten Verspätung unterwegs. Am Bahnhof hat mich ein Ami gefragt, ob das hier Sitte sei. Verspätungen. Ich habs abgestritten. Amis sind doof.

Münchentrip (Foto: Anna)

Dienstag, 28. Mai 2019

Es seicht. K. ist manchmal hier und dann wieder nicht. Einer Aussprache gehen wir konsequent aus dem Weg, was nicht mal so schwer ist.

Wasserkirche: Wachs Stücke von Sarah Burger (Foto: Anna)

Montag, 29. April 2019

Zürich – London

Es ist so weit. Ich stehe an der Sicherheitskontrolle und überführe den Inhalt meiner Taschen in eine Wanne aus Plastik. Das Handgepäck mit Jacke und Handy ist bereits in der Röntgenapparatur verschwunden, während ich den Metalldetektor durchschreite. Eine Beamtin blickt gelangweilt ins totale Nichts und scheint mich nicht zu registrieren. Weshalb denn auch? Nachdem meine Habseligkeiten wieder zusammengerafft sind, eile ich zum Gate und präsentiere die Boardingkarte. Haste durch die Röhre. Nehme Platz. Gurte mich an. Neben mir lümmelt sich einer breitbeinig ins Polster und wirft scheele Blicke. Weniger auf Augenhöhe, sondern deutlich darunter. Wenn Du weisst, was ich meine? Der Flieger startet und ich schaue raus auf die Wolkendecke und stelle mir vor, wie es wäre… Im Kopf spielt Trespass von Genesis.

Der Jet landet zur versprochenen Zeit in Luton, von wo aus eine Eisenbahn in die City fährt. Der Mann von nebenan schleicht noch ein Weilchen um mich rum, hat es dann aber plötzlich eilig, als ich ihm schliesslich den Finger zeige. Im Zug dann rast Landschaft an mir vorbei und ich atme aus. Eine Lautsprecherstimme betet Stationen herunter, bloss, dass jedes Mal eine fehlt. Zehn kleine Haltestellen. In London Tower dann steige ich aus und finde mich direkt an der Themse wieder. Mildes Abendsonnenlicht tropft von Dächern und Fassaden wie dickflüssiger Honig, riecht auch genauso. Dem Flussufer entlang schlendernd, ziehe ich die Rolltasche hinter mir her. Ratatatata! Menschen in Feierabendstimmung, Männer meist, die blicken oder auch nicht. Entgegenkommenden Joggern blase ich Zigarettenrauch ins Gesicht, doch die sind zu höflich, um zu meckern.

London Tower Bridge (Foto: AnnA)

Southside

Ein paar Fotos von der Tower Bridge geknipst, anschliessend rechts auf die genauso benannte Strasse abgebogen. Dann links Grange Road, und weiter, weiter, vorbei an Takeaways mit heruntergelassenen Rollläden.

Die Vermieterin hat die Dreissiger kaum überschritten und empfängt mich in Pantoffeln und Bademantel, den sie sich über der Brust zuhält. Sie würde gerne noch ein Schwätzchen halten, doch die Sprachbarriere hängt wie dicker, roter Balken zwischen uns. Englisch ist weniger so ihr Ding, soviel ist klar. Später dann mache ich mich auf den Weg, um eine Kleinigkeit zu essen.