Vorweihnacht

Manchmal drängt‘s dich unverhohlen zur Lyrik…

Vorweihnacht
Vorweihnacht (Bild: AnnA)

Spiegel

In dir ist ein Spiegel zerbrochen. 
Der Spiegel ist zerbrochen.
Kaputt in tausend kleine Stücke.

Doch brauchst du keine Spiegel.
Brauchst keine Spiegel.
Denn Spiegel brauchst du nicht.

Sagt Däumling und Däumling ist ein peinlich kleiner Wichser.

Punsch

Menschen saufen
Menschenkinder
Menschenskinder
saufen Punsch

Scherben

Scherben 
schreien
kreischen
wimmern
blinzeln
blenden
knirschen
Scherben
Scherben
Scherbenhaufen

Putten

Scheiss auf Putten.
Scheiss auf Putten.
Scheiss auf Putten.
Scheiss auf Putten.

Dunkel dieser Nacht

Dunkel dieser Nacht. 
Kraftlos vom Himmel tropft.

Zwischen Häusern versickert.
In Vorgärten.

Und Katzen.
Schwärze von den Dächern lecken.

Stern um Stern.
Die Augen verschliesst.

Während sie mirwirdschlechtrosa
Plüschwolken pinselt.

Wer ich bin?

Wer ich bin fragst du mich nicht zum ersten Mal mit spitzen Lippen.

Helsinki-Bühne (Bild: AnnA)

„Falsche Frage“, antworte ich. Den Rest kannst du dir selber denken.


Ich knete mir ein Lächeln ins Gesicht

Ich knete mir ein Lächeln ist Gesicht und zieh die Maske drüber.

Ich knete mir ein Lächeln ins Gesicht
Strauhof (Bild: AnnA)

Blau nach aussen, obwohl das Ancien Régime besiegt worden war und Granit den Vladimir gleich mehrmals umarmt. Warm heisst es später, dann schiebt er dem Trainer den Gral zu. Damit Journis was zu schreiben haben. Beide lachen.

Etwas zuvor begegnen in Genf sich zwei Senioren mit grossen Pi Pa Po zum allerallerersten Mal. Einer übt den überheblichen Händedruck, während der andere mehrheitlich saures Minenspiel pflegt. Gemeinsamkeit? Flugzeugtreppen sind weniger ihr Ding. Danach hört und liest man nichts mehr von ihnen, derweil die Partei in China mit Pomp den Hundertsten begeht.

Alles alt, kannst du sagen.

Noch mehr Politik?

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«Hullo»-Variante

Von der Zeit gelesen

Glattpark (Bild: AnnA)

Von der Zeit gelesen. Wie ich sie anhalten kann. Scheinbar. Oder in echt. Indem man sie verdammt noch mal fixiert. Die Zeit. Gleich meine. Nicht deine. So weit geht’s dann doch wieder nicht.

Zum Tagesbeginn…

Home Sweet Home (Bild: AnnA)

Erstens: Dass ich mir vorkomme wie altes Handy. „Der Akku, Leute, der Akku“, schreit es aus mir heraus. Dann die Sache mit dem Update: Wie lange wird mein Modell noch unterstützt?

Japanischer Single Malt: Jeweils nächtens wenn ich schreibe. „Was da alles drin ist?“, frage ich mich draussen beim Rauchen. Alles Gummibaum.

Übrigens: Ich schlote Camel. Die Braunen. „Männerzigaretten“, sagt sie, die ständig davon nascht. Ich hingegen feile noch an einer eloquenten Entgegnung.

Zuletzt: Seit ich dieses Allezonen-Abo besitze, wünsche ich mir nichts sehnlicher als Ticketkontrolle. Wenn sie dann aber da gewesen war, macht dezente Enttäuschung sich breit.

Bewegendes aus dem Tierreich

Von Petzerbienen, Mücken und ausgewiesenen Walen: Zur Abwechslung mal Bewegendes aus dem Tierreich.

Drache in Basel von Thomas Schütte (Bild: AnnA)

Petzerbienen

Ein Niederländisches Team von akademischen Tüftlern hat Honigbienen beigebracht, Covid-19 Viren zu verpetzen. Rüssel raus gleich Judaskuss. Dann gibt‘s Zuckersaft.

In Holland kaufst du eben besser Tulpen und zum Beispiel keinen Honig. Ist wie mit den Fledermäusen. Selbe Geschichte.

Tigermücke in Florida

Summt den globalen Erwärmungssong. Mehrt sich. Summt. Weibchen pikiert. Derweil Männchen tut, wofür Männchen geschaffen worden war. Die Formel dazu: XY plus XX gleich entweder XX oder XY.

Summt den globalen Erwärmungssong. Mehrt sich. Summt. Weibchen pikiert. Worauf Briten mal basteln. Sich X vornehmen. Und Summen verstummt. Womöglich für immer.

NZZ vom 9. Mai 2021

Meeressäuger

In London befreien sie diesen Wal aus einer Schleuse. Zahlreiche Schaulustige wohnen dem seltenen Ereignis bei. Das Tier sei wahrscheinlich auf der Jagd nach Fischen die Themse hochgeschwommen und habe sich anschliessend verirrt.

Ein Zusammenhang mit dem Brexit jedoch wird vehement bestritten. Nicht aber ausgeschlossen. Und Bill Gates hat leider keine Zeit, sich auch noch um Weltmeere zu kümmern. Zivilstands Regelung und andere Verschwörungen, du weisst schon.

Tagebuch V

@Viadukt, Zürich (Foto: AnnA)

14. April 2021

Jugendliche spielen ums Haus mit gusseisernen Deckeln, weshalb Mütter im Quartierchat davon abraten, Kleinkinder unbeaufsichtigt draussen herumtollen zu lassen.

15. April 2021

Soviel ist klar: Alltag ist ein gefrässiges, kleines Biest.

16. April 2021

Am Morgen furchtbares Durcheinander wer was wann wo wie warum und ob es superSMART wäre, W für W beantwortet zu haben?

20. April 2021

Gesellschaft muss manchmal so betrachtet werden, als ob es sie eine wäre und alles wird gut.

21. April 2021

Ticketkontrolle schon wieder.

Alltag ist ein dummer Hund

Foto: Romina Nikolić

I

Auf der Brücke rattern Camions, Busse und Personenwagen, wiewohl Sonne sich schweigend über den Plattenrand stemmt. Kleine, programmierte Menschmaschinen sind auf dem Weg zur Arbeit obwohl keine weiss woher und wohin.

II

Der Feuerball hat sich losgemacht vom Horizont und hängt schwer über kantig schwarzen Dächern. Im Zug lesen Leute Zeitung oder streicheln Handys. Ich schaue Gesichter und sehe weisse, faltige Häute, die sich über Knochen spannen.

III

Den Rest zum Zenit muss Helios schieben, weil anders nicht geht. Gegenüber sitzt einer, dessen Augen von da nach dort kullern, worauf ich meinen Bleistift beiseite lege, um mich auf das Unausgespochene zu konzentrieren.

IV

Später dann versiegt das Glühen und Dunkelheit schleicht wie Riesengeheimnis durch den städtischen Park. An Ecken stehen krumme Gestalten und murmeln von pechschwarzer Nacht. Wenn sie dann nach Hause gehen, sind sie plötzlich allein.

Tagebuch IV

3. April 2021

Arbeit hält in geschuppten Klauen, was längst nicht mehr stört.

5. April 2021

Was heisst Glück?“, fragt sie mich geradeheraus, doch geht mir die Fragerei spontan auf den Wecker.

7. April 2021

Kürzlich war ich mutterseelenalleine im All unterwegs gewesen, wo ich Myrth angetroffen habe, was als sehr unwahrscheinlich gilt.

Monolog

2017-08-10 - 10-48-49 - Canon EOS 400D DIGITAL
Foto: AnnA

Der Arzt zeigt ihr diese Bilder und sagt, dass man es nicht sagen kann, sie aber, die ganz genau hinschaut, sieht dunkles Wolkengebräu wie zum Beispiel Satellitenbilder eines iranischen Labors, in dem Ungeheures getrieben werde. Was ihr jedoch am Arsch vorbei geht, vor allem das Politische, wie im Übrigen alles andere (ausser natürlich sie selbst).

Vielleicht aber ist es ein Kind, erschrickt sie plötzlich und jener schwüle Juliabend steigt ihr zu Sinn, an dem sie sich für einmal gehörig hatte ausheulen wollen. Wonach es dann plötzlich schnell gegangen war, fast ohne Übergang vom einen zum anderen, obwohl sie explizit keine Soeine ist, eine, die für jeden die Beine breit macht, wie man so sagt. Obwohl ein bisschen Ausheulen zum Leben gehört wie Ochsengallenseife.

An seinen Namen kann sie sich partout nicht mehr erinnern, bloss, dass die Leder seines Wagen strahlendweiss gewesen waren. Wie Spital, hatte sie noch reflektiert oder Himmel, bevor es dann wie erwähnt rasant gegangen war, wo keine mehr übermässig studiert. Kaum wie gerade jetzt, während der Arzt tief in ihre Augen blickt, als ob dort eineAntwort verborgen läge.

Weshalb sie dann einfach mal ja sagt, weil ja nie falsch sein kann, wenigstens nicht beim Doktor. Der sie soeben zur Türe geleitet, ohne aber etwas verschreiben zu wollen, was nur heissen kann, dass es echt megakrass um sie steht, garantiert Hoff-Nungs-Los, während es draussen in Strömen pisst, was ihr vollends den Rest gibt.

(nach einem Gespräch im Zug zwischen Winterthur und Züri HB)

Pi

Foto: AnnA

Gestern war Pi-Day, was nicht alle begriffen haben. Ich aber liebe Konstanten, vor allem solche, die gegen hinten entwischen und stets die letzte Ziffer haben. Verschwörung der Zahlen, doch wir alle wissen, wer dahinter steckt.

Rauchfahnen

Rauchfahnen hängen schief von Dächern schmucker Kleinfamilienhäuser. Worin Erziehungsberechtigte widerwillig Corona feiern und Kinder sich erleichtert auf den Weg zur Schule machen.

Foto: AnnA

Mit dem Schliessen der Türe verzieht Mutters Gesicht sich zum bildschirmblauen Superschrei, während dem Vater sein Schatten geistreich beige Wände bestreicht. Schmerzhafte Stille, sinniert dieser und imaginiert, was wäre WENN, aber Scheiss auf WENN, scheiss auf den Konjunktiv.

Scheiss drauf, denkt Mutter gleichsam, weil Himmel im Fenster abgestanden nach Apokalypse riecht derweil Sonne aus Pappmaché kaum mehr als hehre Pflicht erfüllt. Am Bildschirm nicken flackernd aufgepfählte Menschenschädel, als ob noch Leben drinnen steckte, aber denkste, sie sind tot.

Ihn derweil juckt‘s wie blöd an den Testikeln. Bloss gut, dass er Pyjama trägt, eins mit blauen Streifen, worin sich‘s leichter kratzen lässt. Worauf sie den Küchentisch besteigt, den Proletentanz übt und dazu die Internationale singt:

Debout! Les damnés de la terre!
Debout! Les damnés de la terre!
Debout! Les damnés de la terre!

Debout! Les damnés de la terre,

stimmt Vaters Tenor mit ein, denn singen kann er, Singen ward ihm in die Wiege gelegt und Singen macht frei. Plötzlich dünkt ihn alles wie früher, alles wie nicht gewesen, doch nichts ist nicht gewesen, nichts wird aus wieder nicht nichts, aber egal, sagt er sich, man wird ja wohl noch atmen dürfen!

Und Mutter?

Streifen, denkt sie völlig losgelöst,
Streifen geht ja überhaupt gar nicht.


Die Kunst

Orch-Idee (Foto: AnnA)

Versuchs mal so:

„Kerstin hängt Wäsche an die Leine, dass Vermeer n’en Heulkrampf kriegte, Neuhufer haut dir Brautigan 2021 in bestem Dialekt um die Ohren und Nachbars Hund scheisst sich Basquiat-like durch die Gegend.“

Sozusagen, aber eben:

„Ist nicht dasselbe.“


Sardellenblues

Manchmal übermannt mich ganz ehrlich die Nachdenklichkeit wie gestern zum Beispiel beim Pizzasardellenkauf.

Foto: AnnA

15 kleine Dinger in Glas verpackt, die lustig sich kringeln, wenn du daran schüttelst. „Ein wenig wie Meer“, denke ich sehnsüchtig und studiere das Preisschild doppelt, weil mich die Zahl etwas übertrieben dünkt. Kommt quasi auf den Franken das Tier, dabei ist es ja bloss Pizza und dazu vielleicht noch ein Film von Caro. Andererseits, für ein Leben scheint es mir eher knapp bemessen und wenn du den Mehrwert noch subtrahierst, wird dir gleich kotzübel. Was mich – zugegeben – emotional hernimmt, wie ich so im Laden stehe und auch gar nicht mehr richtig schütteln mag.


Tagebuch II

Von Lücken, Kontinuen und Wetterlagen. Philosophisches von Löffel. Plus Impressionen aus dem Alltag einer Proletarierin.

Foto: AnnA

Samstag, 20. Februar 2021

„Die Marktlücke wird immer grösser bis wir alle da hinein passen“ (Löffel 2021).

Sonntag, 21. Februar 2021

„Frage mich, weshalb Zeit im Kleinen lümmelt und im Grossen gerade umgekehrt“ (ebd.).

Montag, 22. Februar 2021

Sonne scheint & gestern ebenso.

Dienstag, 23. Februar 2021

Eine Tasche auf dem Weg zur Arbeit und ich daneben.

Mittwoch, 24. Februar 2021

Veilchenblau sitzt am Küchentisch und liest Journale.
Auf einem T-Shirt steht: „Ich bin auch ein CAS.“
Das Harvard Prinzip: Dreiecke malen.
Vor Italien schwimmen 200 Särge im Meer.
Und zuletzt: A Boat von Brautigan.


Namen

Irgendwann im Museum Rietberg (Foto und Nachbearbeitung: AnnA)

Wie die auch heissen oder genannt werden wollen, denn auf Namen gebe ich nicht viel. Jeden Tag einen neuen oder öfter sogar, das würd mir gefallen. Einfach mal Amundsen zum Beispiel, Winnetou oder Mary Poppins. Wäre wenigstens mal ein Anfang.

Exit

Friedhof Sihlfeld (Foto: AnnA)

Immer mal wieder.
Stellen wir die Uhr.
Und retten die Welt.

Manchmal.

Weil gelegentlich
das Böse siegt.
Oder siegen muss.

Und wir verlieren.

Zu wenig weit genug gedacht.
Heisst es dann.
Weil Zwölf ist Zwölf.