Nacktmulche

Nacktmulche
Nacktmulche im Zoo Zürich (Foto: AnnA)

Am Wochenende waren wir im Zoo und dort gibt‘s Tiere wie zum Beispiel Nacktmulche, was irgendwie so würsterlförmige, weisse Säugetiere sind, welche mehrheitlich aufeinander hocken und hauptsächlich gesellschaften. Gecheckt?

Fri-Son in Fribourg

Eine Überraschungsreise und ab Bern schwant es mir: Fri-Son in Fribourg!

Im Alpha musst du nicht direkt absteigen, kannst aber. Eine Säule mitten im Zimmer zwingt dich entweder zur Konfrontation oder du denkst drum herum. Dafür aber hast du Morgenbuffet par excellence und sowieso sind alle superfreundlich.

Draussen ist’s kühl und Bier hilft auch nicht weiter. Im St. Nikolaus zünde ich ein Kerzchen an, denn da wo er ist, gibts keine Abreisskalender. Dann sind da noch Reliquien, welche du aber eigentlich nicht siehst.

Reliquienraum im St. Nikolaus (Bild: AnnA)

Die vom Pho Vietnam servieren Weihnachtsbier (vom letzten Jahr?) und was zu Futtern. Veilchenblau bestellt Fleischloses an Krabbensosse, ich hingegen halte mich an die Ente.

Das Fri-Son bietet mit darius eine Art Instrumentalmetal wie etwa down gestrippte Hawkwind oder vielleicht Monster Magnet und manchmal befallen einen unversehens (frühe) Nirvana-Momente à la Bleach. Muss man sich reinziehen. So ist das halt.

Fri-Son in Fribourg
darius: Live Ebullition (Quelle: bandcamp)

Peter Kernel gelten als Tessiner, was bloss halb so stimmt. Aber egal. Aris und Barbara machen alternativen Rock, alternativen Pop oder einfach Indie und werden von einem versierten Drummer unterstützt. Ob die beiden ein Paar sind fragst du dich, während die beiden skurril witzige Lieder präsentieren ohne einander aus den Augen zu lassen.


Hinterland

Sogar Babs ist beunruhigt als Franco sich unversehens ankündigt. Folglich lichten wir die Anker und machen uns von dannen. Die netten Nachbarn vom Platz winken dem Wagen hinterher, bis eine bräunlich-gelbe Staubwolke sich dazwischen legt.

Pitigliano

Die Wohnungsreservation in Pitigliano bleibt vorerst mein Geheimnis. Wenn es nämlich um Maskuline geht, kannst du Babs keineswegs trauen. Seit der Autobahngeschichte hat sie nämlich diesen Glanz in den Augen. Und ihr Handy zu zerstampfen traut sich nicht mal Veilchenblau. Nach Grosseto biegen wir links (in Richtung Apennin) ab, worauf Strassen sowohl schmaler als auch kurviger werden.

A Naartjie In Our Sosatie heisst eine Schallplatte aus den 80ern, welche ich mir damals gekauft und heuer digital wiederentdeckt habe. Damit können jedenfalls alle leben.

Hinterland
A Naartjie In Our Sosatie (Quelle: bandcamp)

Auf einer Ausfahrt mit Postkartenblick werden wir zunächst gnadenlos zugeparkt, danach tropft Charme wie Blut von meinen Lefzen. Dafür haben diverse Carpiloten ihre Vehikel tadellos an den Rand der Schlucht bewegt um einen Korridor zu schaffen. Für mich notabene.

Während die Mädels sich über eine Unterkunft mit Bett freuen, parkiere ich den Bus kostenpflichtig in New Town. Das Haus gleich neben der alten Synagoge heisst La Casa Del Ghetto, bloss falls du mal hin willst. Veilchenblau wirft erst mal den Ofen an und haut sich anschliessend aufs Ohr. Bei ca. 25° Celsius versuchen wir, das Teil zu justieren, was sich als nicht ganz so einfach herausstellt. Stichwort: Niedergaren.

Hohlweg bei Pitigliano (Bild: AnnA)

Ein Spaziergang ausserhalb führt durch in Tuff geschlagene Hohlwege. Links und rechts gähnen Grotten, wo vor mehr als 2000 Jahren noch Tote gelagert worden waren. Jedenfalls erzähle ich das so. Heuer siehst du Betten darin und schimmelige Überbleibsel von ebensolchen Partys. Am Ulmenbrunnen rasten wir und kehren auf demselben Pfad wieder zurück.

Sorano

Der Weg nach Sorano sei zu Fuss am Schönsten, versichere ich den beiden, während wir draussen vor der Synagoge hocken und uns von einer schwächlichen Sonne bescheinen lassen. Babs wäre zwar lieber ein wenig durch die Stadt geschlendert, wohlweislich schweigt sie aber. Die Franco-Geschichte hängt ihr noch immer im Magen (oder Uterus, wenn man so will) und aufgehende Sonne ersäuft geradewegs in ihren melancholischen Blinkern. Veilchenblau geht kopfschüttelnd ihren Rucksack packen, den aus dem Wallis, du weisst schon.

Unterwegs beflügelt mich die Sache mit dem Historischen, dass ich mir vorkomme wie junger Cerberus. Oder sonst so: Hund. Schritt auf Tritt Geschichte, Geschichte und nochmals Geschichte verschafft mir das erhebende Gefühl von (zugehöriger) Weite. Am sehnlichsten wünsche ich mir aber ein Wurmloch, wo ich auch reinpasse. Obwohl Veilchenblau meint, dass es längstens schon geschehen sei und ich mitten drin stecke ohne es überhaupt zu bemerken.

In Sorano gibt’s erst Prosecco, dann knusprige Pizza mit Käse wie klimaerwärmte Gletscher. Eine Frau in schwarzen Leggins patrouilliert vor der Gartenbeiz und mustert uns gestreng. Wir schauen uns an. Vielleicht so ein Revierdings?

Später betrachten wir eine kopfüber-Fledermaus im Kegel meiner Taschenlampe und jede Menge Höhlengräber noch dazu. In manche krieche ich hinein und hock auf die Bettstatt aus Lavagestein. Stille umgibt mich wie samtene Engelsflügel. Es riecht modrig. Abends essen wir extravagant in mehreren Gängen, derweil am Nebentisch ein Paar diniert, das sich nicht traut.

Franco

Tags darauf steht tatsächlich Franco vor der Tür, während eine aufgedonnerte Babs halbherzig Überraschung mimt. Veilchenblau jagt blaue Blitze durch die Gegend, dass Darth Vader zum Sandkastenbub mutiert. Ich steh mal wieder dazwischen und vermittle. Morgen aber gehts nach Hause, soviel ist klar. Und heute ist heute.

Am andern Tag sitzen wir zu Dritt im Bus und Waldgeflüster klingt an. Dahoam heisst die Scheibe und passt irgendwie. Jedenfalls: Löffel wäre stolz auf mich.

Und Franco? Was weiss ich?


Agricult

Wir haben einen Van gemietet und düsen nach Italien. Sie hat’s mit dem Meer, ich hingegen will Gräber sehen. Und Babs, die wiedermal Krise schiebt, sitzt hinten drin. Agricult? Kommt später.

Piombino (BIld: Babs)
Piombino (Bild: Babs)

Milano

Autobahn, Gotthard, Autobahn, dann Zoll, der gar keiner ist, sondern eher so Kasperlbude mit Männchen drin. Kurz vor Milano fahren wir raus und steigen im Just-Hotel ab. Vier Sterne mit Blick auf vier Autobahnkringel, dafür aber leicht zu finden. An den Wänden hängen Gemälde von Berühmtheiten wie Marilyn, Gianna, Laura et cetera & rauchen darfst du auf einer Art Balkon. Unten auf dem Carpark prüfen krumme Männer mittleren Alters Rennräder, ich aber sag: Velo. Von Weitem mag Veilchenblau’s BH als Bikini durchgehen, was aber keine Rolle spielt. Ausser die vergessen, ihre Schrauben anzuziehen oder was weiss ich. Babs hingegen sitzt in der Lounge und süffelt Martini.

Am andern Tag tauschen wir Rollen. Veilchenblau hupt sich durch den Dunst Mailands, derweil mir die Bedienung der Soundanlage obliegt. Gelegentlich halten wir an einem Autogrill um zwei zu rauchen plus wegen dem Kaffee. Solcherart geht Babs verloren, die gerade noch friedlich hinten geschlummert hatte. Als sie anruft, spielt gerade Non Serviam ab Bandcamp-Account und der Klingelton schreckt uns auf. Letztlich kutschiert einer mit Fiat sie zur nächsten Raststätte, wo wir warten und Ende gut. Währenddessen aber haben die beiden Nummern getauscht und Franco fährt noch ein Weilchen grinsend hinter uns her.

Agricult
Non Serviam: Le Coeur Bat (Quelle: bandcamp)

Agricult

Maremma bezeichnet im italienischen eine Art halbwegs gezähmter Sumpf. Steht jedenfalls so in Wikipedia. Längs des toskanischen Küstenstrichs verläuft die Autobahn, links und rechts paaren sich Mücken. Der Platz, wo wir Stellung beziehen, heisst Vento Etrusco, denn es bläst mit Vehemenz. Man entschuldigt sich dafür und leiht uns drei klapprige Bikes, womit wir Richtung Strand radeln.

Das Meer? Kühl. Endlos. Wunderbar. Dazu noch Sonnenuntergang à la Bilderbuch. C’est magnifique! Trotz fast Null Promille wird Babs endlos romantisch und will mit uns ins Wasser, womöglich Hand in Hand. So aber läuft das nicht, worauf sie wie blöd ins Gerät textet und Panoramaaufnahmen macht. Später finden wir eine Beiz.

Tag Drei

Heute die Idee einer Biketour oder einfach mal Einkaufen. Cappuccino drüben im Kaff plus COOP. Am Strand schaufeln wir Löcher und klauen dem Fischer seine Sitzgelegenheit. Und in einer Bar treffen wir 1000 miesepetrige Schweizer. Als wir die Flucht ergreifen, bemerkt Veilchenblau, dass ihr Pneu Platten hat.

Morgen geht’s ins Hinterland zu den Etruskern. Wegen der Gräber, mal ehrlich.


Zur Abwechslung mal in Uster gestrandet…

Menschen säumen den Bahnsteig. Tragen Masken. „Das Ende naht“, sagen die einen. Und andere: „Wir bleiben dabei!“

Uster? Da kommst du hin, wenn du den falschen Zug erwischst. Und sonst so? Keine Ahnung. Vor tausend Jahren hat Motörhead mal hier gespielt. In der Stadthalle. Woher ich das weiss? Manche Sachen vergisst du nie.

Werd (Foto: AnnA)

Am Samstag hingegen waren wir Grillen. Limmat. Musik. Gekühltes Bier. Auf dem Nachhauseweg kippt mein Fahrrad in einen gierigen Busch. Mit mir noch obendrauf. Während sie lacht, rapple ich mich auf und übe Deutsch. Bloss halb so wild.

Zum Tagesbeginn…

Home Sweet Home (Bild: AnnA)

Erstens: Dass ich mir vorkomme wie altes Handy. „Der Akku, Leute, der Akku“, schreit es aus mir heraus. Dann die Sache mit dem Update: Wie lange wird mein Modell noch unterstützt?

Japanischer Single Malt: Jeweils nächtens wenn ich schreibe. „Was da alles drin ist?“, frage ich mich draussen beim Rauchen. Alles Gummibaum.

Übrigens: Ich schlote Camel. Die Braunen. „Männerzigaretten“, sagt sie, die ständig davon nascht. Ich hingegen feile noch an einer eloquenten Entgegnung.

Zuletzt: Seit ich dieses Allezonen-Abo besitze, wünsche ich mir nichts sehnlicher als Ticketkontrolle. Wenn sie dann aber da gewesen war, macht dezente Enttäuschung sich breit.

Rote Linien

Rote Linien sind entweder da oder nicht da“, meint Veilchenblau, während ich den Espressokocher auseinander schraube und mir überlege, was der heutige Tag wohl bringen mag.

Rot (Bild: AnnA)
Rot (Bild: AnnA)

Sie hat sich in letzter Zeit auf Putin eingeschossen. Der Rhetorik wegen einerseits, zudem er scheint‘s kein Verfallsdatum hat.

In meinem Kalender steht, dass um 8 Sitzung ist, wobei ich nicht weiss, worum es eigentlich geht.

Scheissmacho“, brummelt sie, die Machos nicht mag, während ich mit dem Löffel Zucker verrühre. Was ein klinkerndes Geräusch erzeugt.

Rohkunst im Musée Visionaire

Art Brut und so, heuer aber sind Studien von Naegeli ausgestellt: Dem Sprayer von Zürich. „Superbrut geht anders“, kommentiert meine Begleitung und auch ich denke: „Nett.“

Musée Visionaire (Foto: AnnA)

Anschliessend trödeln wir ein wenig rum und stossen beim Münster auf den Totentanz. War zwar bereits in Köln, aber gefallen tut‘s trotzdem. Und wenn dann eine mit Kreide noch Jesus drüber schreibt, ist das irgendwie lustig. Vor allem die Kreide.

Shining

Fernsehstudio Oerlikon (Foto: AnnA)

Im Flur höre ich Zwillingslachen, doch eigentlich ist da rein gar nichts. Sie aber zuckt bloss die Schultern und sagt:
War gestern schon.

Frauen im Laufgitter

Am Sonntag bei Iris von Roten im Strauhof. Klar, dass da noch andere sind, doch schleicht man gekonnt an sich vorbei.

Ausstellung Frauen im Laufgitter von MASS & FIEBER im Strauhof Zürich (Foto: AnnA)

Iris war mit der Idee von Frausein unterwegs gewesen, eher aber noch des Nichtfrauseins, weil Raum gerade mal nicht existent, worin sie hätte blühen können. Weder von Roten noch alle andern Laufgitterweiber, die sowieso erst darauf hatten hingewiesen werden müssen, dass mittendrin im Gefüge verdammt nochmal Ungerechtigkeit hockt. Denn was du nicht erkennst, kannst du nicht bekämpfen, sonst wirst du gewissermassen zum Don und schlägst am Ende Mühlen kurz und klein.

Laufgitter übrigens ist jenes aus der Mode gekommene, im Grunde aber endlos praktische Kindergefängnis, welches Eltern es ermöglicht zum Beispiel weitere Kinder zu zeugen, um diese dann wiederum in Laufgitter zu stecken und so weiter.

Zehn Jahre war Iris an jenem Buch gesessen, welches sie mit Zwanzig am liebsten selbst hätte lesen wollen. Was denn aber wäre mein oder dein Werk gewesen? Und wird es jemals erscheinen? Antwort folgt. Veilchenblau schaut mich derweil quasi Quijote-like an, heisst Visierblick, und vielleicht schreiben wir gerade heute noch am Inhaltsverzeichnis – oder fressen einfach mal Schokolade.

Donald & Jim

„Trump ist allgegenwärtig“, bemerkt Veilchenblau und blättert in einer kaffeerandversetzten Überseezeitung. Ich aber denke an Löffel, der behauptet, Morrison einst persönlich beatmet zu haben.

NONAM Zürich (Foto: AnnA)

Nicht Mund zu Mund, sondern mittels eines dieser hipen Geräte, welche nur Profis zur Verfügung stehen. Singen sei entsprechend keine Option gewesen, erzählt er, und aufgrund seiner Fettleibigkeit hätten sie den Lizard King richtiggehend auf die Bahre rollen müssen. Damit man es besser versteht, vollführt er schaufelnde Bewegungen mit Armen und Händen. Dann seien sie mit ihm blaulichtmässig ins nächste Spital gefahren und Ende der Geschichte.

Ich überlege mir, welches Doors-Album mir am besten wohlgefällt, entweder das erste oder dann halt L.A. Woman. Bei Jims Grab bin ich auch schon gewesen, ob der aber tatsächlich darinnen liegt, wage ich zu bezweifeln. Weniger Löffels Geschichte wegen, da nicht alles stimmt, was er von sich gibt. Zum Beispiel sei er Elvis einmal beim Eislaufen begegnet, worauf Dave Grohl sich prompt dazugesellt habe. Spricht man Löffel auf die historische Divergenz seiner Erzählungen an, führt er aus, dass es sich lediglich um Gleichnisse handle. Wahre Wahrheit sei nie wirklich wahr, meint er, dafür umso wahrhaftiger. So habe es Stefan Zweig übrigens auch schon gehalten. In solchen Momenten bestellt Radieschen entnervt Mineralwasser und droht mit totaler Schallplattenvernichtung.

Trump“, antworte ich Veilchenblau, „ist wie die dunkle Seite der Macht. Geht nicht mit und geht nicht ohne“. Dann im voll düsteren Tonfall: “Vernichte sie, und du hast den Salat“, worauf sie mich gerührt anblinzelt.

Manchmal bin ich einfach ziemlich gut.

Sardellenblues

Manchmal übermannt mich ganz ehrlich die Nachdenklichkeit wie gestern zum Beispiel beim Pizzasardellenkauf.

Foto: AnnA

15 kleine Dinger in Glas verpackt, die lustig sich kringeln, wenn du daran schüttelst. „Ein wenig wie Meer“, denke ich sehnsüchtig und studiere das Preisschild doppelt, weil mich die Zahl etwas übertrieben dünkt. Kommt quasi auf den Franken das Tier, dabei ist es ja bloss Pizza und dazu vielleicht noch ein Film von Caro. Andererseits, für ein Leben scheint es mir eher knapp bemessen und wenn du den Mehrwert noch subtrahierst, wird dir gleich kotzübel. Was mich – zugegeben – emotional hernimmt, wie ich so im Laden stehe und auch gar nicht mehr richtig schütteln mag.


Tagebuch II

Von Lücken, Kontinuen und Wetterlagen. Philosophisches von Löffel. Plus Impressionen aus dem Alltag einer Proletarierin.

Foto: AnnA

Samstag, 20. Februar 2021

„Die Marktlücke wird immer grösser bis wir alle da hinein passen“ (Löffel 2021).

Sonntag, 21. Februar 2021

„Frage mich, weshalb Zeit im Kleinen lümmelt und im Grossen gerade umgekehrt“ (ebd.).

Montag, 22. Februar 2021

Sonne scheint & gestern ebenso.

Dienstag, 23. Februar 2021

Eine Tasche auf dem Weg zur Arbeit und ich daneben.

Mittwoch, 24. Februar 2021

Veilchenblau sitzt am Küchentisch und liest Journale.
Auf einem T-Shirt steht: „Ich bin auch ein CAS.“
Das Harvard Prinzip: Dreiecke malen.
Vor Italien schwimmen 200 Särge im Meer.
Und zuletzt: A Boat von Brautigan.


Tagebuch I

Schnee (Foto: AnnA)
Schnee (Foto: AnnA)

Freitag, 12. Februar 2021

Gestern im Zug ein Buch gelesen, was mir gefiel und mich lächeln machte. Würde die Schreiberin gerne kennenlernen, fragen, woran jene gelebt hat zum Beispiel oder geatmet, doch ist sie tot gewissermassen durch die Zeit.

Samstag, 13. Februar 2021

Morgens der kalte Ofen und im Weiss die freche Spur eines Hasen. Am Himmel derweil läuft Farbe aus und ergiesst sich über schneebedeckte Kronen. Erst Blau, dann Tutu-Rosa, dann Tag. Die Wellen übrigens habe ich zu zählen vergessen, ob es aber statthaft ist, weiss ich nicht. Dummheit im Übrigen sei eine grosse Gnade, wiewohl richtig dumm höchste Kunst.

Sonntag, 14. Februar 2021

Man hat’s nicht leicht mit dem Leben, weil bei aller Betroffenheit das meiste noch dazu selbst gedacht werden muss. Veilchenblau ist da anders, kauft sich einen Haufen Zigaretten unten beim Kiosk, plus Schnapspralinen und sagt, dass Rucksäcke dazu da sind, leergefressen zu werden. Woran ich Zweifel hege.

Montag, 15. Februar 2021

Biden macht vorwärts heisst es, was du in den Zeitungen lesen kannst. Isst lieber Bürger Burger als Chinesisch wegen der Arbeitsplätze. Elektro-Elektro und Herz springt, doch wenn Lügner Lügen lügen, wird es dann wahr?

Monopoly

K sei ausgewandert, heisst es, was ich mir kaum vorstellen kann und Radieschen plappert, dass sie sich ernsthaft auf ein Leben ohne Trump vorbereite. Dann kauft sie Zürich Paradeplatz und Löffel zählt vorsichtshalber mal Scheine.

Züri (Foto: AnnA)

„Kann mir nicht vorstellen, dass K ausgewandert sein soll“, wende ich ein, worauf Radieschen mich mit ihrem Du bist ja hier nicht etwa die Expertin-Blick bedient. Babs (die aus dem Hölloch) fummelt an ihrem Handy rum, und fragt, was K denn für einer sei. „K wie Karl“, antwortet Löffel schliesslich und blickt Rieeeeesenbögen (um mich rum). Wobei ich sowieso grad Knastpause feier, also auch egal.

„Versuchs doch mal mit Erdogan“, rät Veilchenblau Radieschen, die gerade schmucke Häuser in eine nette Reihe bringt. Derweil Babs einmal mehr über den Rand hinaus würfelt. „Vielleicht sollte ich diesen Karl mal kennenlernen?“, fragt sie von unter dem Tisch, worauf Löffel lacht. Jede weiss, dass es zwischen den beiden nicht lange gut gegangen war. Fragestellung: Was wäre, wenn Lennon noch lebte, doch wissen wir es bis heute nicht. Und wird auch nimmer. K war mal Mitbewohner gewesen, dann aber habe ich Veilchenblau kennengelernt und mich noch dazu. Ende der Geschichte.

Babs heimst gerade ein Vermögen ein und ich frage mich, ob sie dem Glück nicht ein wenig zu sehr auf die Sprünge hilft. Auch Veilchenblau verdreht vielsagend die Augen, was jedoch nicht zählt, weil sie wie immer bloss zuschaut. Kann nicht verlieren, weswegen sie einfach mal behauptet, dass Kapitalistenspiele Scheisse sind. Um zu Explizieren, knallt sie dann zum Beispiel irgendwelche Minor Threat-Scheiben auf den Plattenteller.

„Der ist ja eben ausgewandert“, wiederholt Löffel, den im Übrigen die Schuldenlast drückt. (Obwohl Radieschen ihm ab und zu was zusteckt.) Nimmt mich persönlich wunder, wo er diese Emigrantengeschichte herhat, weil K ja nicht etwa der abenteuerliche Typ. Wahrscheinlich aber weiss er’s von Neuhufer, dem Schnüffler.

Als dann sogar Babs die blaue Rechnung nicht mehr bezahlen kann, ist fertig lustig. Ich verdufte schleunigst aufs Klo, wo dieses Hirschposter von Agalloch hängt und höre durch die verschlossene Türe, wie I am von Bölzer anklingt. Auch gut.


Bienen

S12, weil’s anders nicht ging plus Summen im Kopf, das immer grösser wird. Ein Bienenschwarm, der alsbald ausser mich gerät, zudem Stettbach, wo die andere noch zusteigt.

Graffiti in der Innenstadt (Foto: AnnA)

Nettes Kleidchen, nette Schuhe, nette Frisur, sogar ihr Lächeln ist nett, den Kopf jedoch trägt sie voller Insekten, genauso wie ich. Welche nun ihre oder meine sind, frag ich mich, ob Aussortieren überhaupt noch gelingen mag? Weil, dass die den rechten Kopf finden, kannst du eigentlich vergessen.

Während wir uns schweigend in die Augen blinzeln, heisst es „Stadelhofen“ und Zug beginnt zu bremsen. Was, wenn sie mich verliesse, mir die Bienen stähle, oder ihre vergässe? Und ich für den Rest meiner Lebenszeit mit Summen geschlagen, welches mir nicht gehört, sondern einer anderen, die bloss zu- und wieder abgestiegen war?

Was dann?

Worauf ich sie an den Händen greife und nicht losslass, so sehr sie sich auch wehrt. Hand in Hand, Front an Front, was schön sein kann, prickelnd, es aber ganz und gar nicht ist.

Und Ende der Geschichte? Hab bis heute festgehalten, denn zusammen sind wir Eins und bleiben Eins, das kannst du so oder so sehen.

Schnee

Erst Morgenessen. Dann Piste. Weiss in Weiss. Und ein paar Pfähle. Um uns den Weg zu weisen.

Foto: Veilchenblau

Am Skilift dann einer, der meint, ich soll mir die Maske hochziehen und Veilchenblau, die dem Frieden zuliebe gerade noch die Klappe hält.

Kein Alkohol am Take-Away wegen der Verletzungsgefahr oder dass man sonst wie überschwänglich gerät.

Proxima Fermada

Foto: AnnA

Durch die Fenster des Zugs werden Bletzen geworfen und wie Leintücher über den Schnee geschliffen. Veilchenblau liest oder schläft, sonst befindet sich keine Seele im Abteil. Es ist leer. Die Reise will kein Ende nehmen. Und immer wieder:

Proxima Fermada,

Proxima Fermada.